Fast ein anderes Land Videos vom Radleralltag
Jun 192011

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Doğubeyazıt / Türkei

111. Reisetag

5893 Kilometer

Wieder gehen wir voll in die Bremsen, wenden die schweren Räder und steuern frontal auf die sich blitzartig auflösende Gruppe von Dorfjungen zu.  Für mich stellt sich die Frage, wie ich mit dem Verhalten der kurdischen Kinder umgehen soll, nur sehr bedingt. Ich kann es schlicht nicht ignorieren, wenn ich wieder und wieder im Rückspiegel beobachte, wie Steine vom Boden gehoben werden und wir ins Visier der Kleinen geraten.

Es ist zu einem täglichen, fast stündlichem, immer wieder gleichem Spiel geworden. Wir erblicken auf dem Feld oder im Dorf Kinder die an die Straße laufen. Sie rufen: „Para, para, Money, Money“ und dann werden Steine aufgehoben oder aus der Hosentasche gezogen.

„Aber es sind doch nur Kinder“, diesen Spruch können wir nicht akzeptieren und aus unserer Sicht kann er das Verhalten einer Mehrheit der Dorfjungen nicht entschuldigen. Betroffen macht uns, über diesen unschönen Empfang hinaus, insbesondere die Haltung der Erwachsenen. Die mehrheitlich nicht hinschauen, oder das Verhalten ihrer Kleinen herab spielen. Denn wir sind uns sicher: der Hass auf Radreisende ist auch bei kurdischen Kindern nicht angeboren, sondern kommt aus der Gesellschaft.

Die kurdischen Gebiete der Türkei wirken auf uns erschreckend arm. Wir wissen nicht, ob die Türkei mit ihrer Politik diesen Zustand forciert, oder, ob der Landstrich an sich nichts (außer wunderschöner Natur, also erheblichem touristischen Potenzial) zu bieten hat. Die Kurden sind unzufrieden mit der politischen Unfreiheit und erklären ganz offen ihren Hass gegenüber der türkischen Regierung.  Auch das Bildungsniveau ist ein spürbar Anderes  als in der Westtürkei. All das erfahren wir hier,  und doch finde ich es ungeheuerlich das Kinder uns, wo immer wir hier entlang pedalen, mit Steinen empfangen.  (Immer wieder denken wir an Ausländer in Deutschland, die durch teile Sachsens reisen wollen. Werden auch sie so empfangen? Es soll „no go areas“ für Schwarze geben – als wir noch im Bürostuhl in HH saßen, war uns diese Ungeheuerlichkeit nie so deutlich wie jetzt).

In Vorbereitung auf die Reise hatten wir von ähnlichen Zwischenfällen natürlich gehört und doch sind wir fast ein bisschen überrascht. Irgendwie hatten wir angenommen, dass Steine schmeißende Kinder der Vergangenheit angehören und heute als einzelne Erlebnisse, weniger Reisender pauschalisiert würden – nun wissen wir es besser!

Dennoch genießen wir große Landschaft. Vom Van See, an dem wir einen Tag lang im Schatten gelegen und im salzhaltigen Wasser geplanscht hatten, ging es für uns über den bisher höchsten Pass (2650 m ü.NN) nach Doğubeyazıt. Fotogene Zeltplätze säumten unseren Weg, auf denen wir uns bisher auch immer, entgegen vieler Warnungen, sicher und gut aufgehoben fühlten. Denn trotz fragwürdiger Empfänge am Ortseingang, sind die Menschen, sobald man ein paar Worte mit ihnen wechselt, doch immer freundlich. Verwunderlich fanden wir auch hier am Van Göl, dem größten türkischem See, keine touristische Infrastruktur anzutreffen. Kein Boot, kein Steg und nur ganz wenige Badestellen (an denen ausschließlich Kinder badeten) waren zu sehen, und das bei einem See der fast 1.000 Km² groß und von schneebedeckten Gipfeln umgeben ist.

Ab sofort sitzen wir 35 km vor der iranischen Grenze in Doğubeyazıt „fest“, warten auf die Visa und freuen uns, seit unserem Verlassen Deutschlands das erste Mal über ARD im Fernsehen – eine extrem surreale Sache, wenn man nach zwei Stunden ARD schauen die Straßen der Grenzstadt am Ende der Türkei betritt!

Fotos von Steine werfenden Kinderhorden haben wir keine geschossen. Mit 5-7 km/h die Steigungen raufkriechen, von Kindern verfolgt, da verschieben sich die Prioritäten hin zum Wiegetritt… Aber immerhin gibt´s ruhige Momente für andere Aufnahmen:

7 Antworten to “„Aber es sind doch nur Kinder“”

  1. Dennis Boldt sagt:

    Hallo Johanna,

    nachdem ich im Juni nach den Details gefragt hatte, hatte es sich dann ergeben das wir die Route dann Anfang Juli in umgekehrter Reihenfolge gefahren sind. Also von Iğdır kommend nach Doğubeyazıt über die D975, D280, D290 und D965 nach Tatvan. Von daher wollte ich auch nochmal unsere Erfahrung schildern. Die ersten Steine flogen nach dem Pass ab etwa Soguksu in unsere Richtung, nichts bedrohliches. Wir hatten den Vorteil, dass wir die 70 Kilometer bis zum Van-See bergab gefahren sind, und uns die meisten Steine auf Grund unserer Geschwindigkeit verfehlt haben. Leider kam h ein Junge von einem der Felder auf mich zugelaufen und hat dann den Hirtenstock geworfen; glücklicherweise verfehlt. Ab diesem Moment war ich von der Aggressivität der Jungen sehr schockiert und war etwas ängstlicher unterwegs und war sehr vorsichtig bei jedem Jungen am Straßenrand. Die Lage entspannte sich merklich mit erreichen des Van-Sees. Dort waren die Kinder noch immer Aggressiv, jedoch nur verbal. Unsere negativen Erfahrungen muss ich daher auf die D975 begrenzen. Der anschließende Pause-Tag am Van-See war nach den Erfahrungen dann sehr gut zum entspannen und abschalten.

    Viele Grüße,
    Dennis

  2. Ich war richtig erschrocken als ich ab Mus von den Kindern so unfreundlich angesehen wurde, auch steine wurden nach mir geworfen. “Tourist, Tourist, Money, Money” war teils oefters zu hoeren als eine nette Einladung zum Tee.
    Trotz der Gastfreundschaft war ich sehr froh dann endlich im Iran zu sein. Es war teils schon sehr anstrengend muss ich sagen.
    Eine wirkliche gefahr ging nicht aus, doch kann man sich darauf einrichten beworfen und beschimpft zu werden. Es ist sehr schade da der Grossteil der Menschen sehr gastfreundschaftlich und freundlich ist.

  3. Liebe Kommentatoren,

    zunächst die genaue örtliche Eingrenzung: Wir kamen von Westen auf der D 300. Ab Muṣ gab es erste Ansätze des Steine Schmeißens. Richtig los ging es dann jedoch ab Tatvan. Ab hier folgten wir der D965, D290, D280 und D975 am nördlichen Ufer des Van Sees und bogen dann Richtung Doğubeyazıt ab. Ab Tatvan hatten wir, sozusagen in jedem Dorf, und teilweise auch außerhalb dieser (Hirten Jungen) Vorfälle (nur Bergab nicht, wenn wir einfach zu schnell für die Kinder waren). Von den „Fernziele“ Radlern bekamen wir eine Mail, dass sie sogar Jungen mit Skimasken, dicken Kabeln und Ziegelsteinen antrafen.

    Aber auch wenn die Begegnungen alles andere als schön sind und einem die Stimmung durchaus vermiesen können, wir fühlten uns nie ernstlich gefährdet und haben im Zelt immer gut geschlafen!

    „Hass auf Reiseradler“: bitte versteht die Aussage: „auf Reiseradler“ etwas ironisch, die Abneigung (ich habe es als wirklichen Hass empfunden) richtet sich natürlich nicht nur gegen Radler (wir sind in der Tat zu wenige um uns speziell hassen zu können), vielmehr ist die Abneigung vermutlich gegen alles Fremde gerichtet.

    Wir erleben die kurdische Gesellschaft als eine sehr unzufriedene. Sie fühlt sich benachteiligt, ausgeschlossen und unterdrückt und die Schuld wird im Fremden, insbesondere eben bei der türkischen Regierung, gesehen. Diese aufgestaute Unzufriedenheit wird auch an die Kinder weitergegeben, die aus unserer Sicht das Gefühl entwickeln, dass man sich eben holen muss, was einem nicht freiwillig gegeben wird.

    Leider haben wir natürlich nur oberflächliche Eindrücke und verstehen den Konflikt sicher nicht bis in seine Tiefen, aber ich bin überzeugt, dass diese Gesellschaft einfach nicht gelernt hat, sich auf positive Weise aus ihrer Situation zu befreien. Ganz sicher bedarf es in diesem Zusammenhang einer Bildungsoffensive, die jungen Menschen neue Ideen und andere Wege erst ermöglichen würde (wir sehen Vormittags unzählige Jungen im schulpflichtigem Alter auf der Straße und die Mädchen sieht man nur einfach nicht).

    Immer auf den Osten: Vieles was man im normalen Alltag aufnimmt, ohne es weiter zu verarbeiten, kann beim langen Bergfahren noch mal zurück ins Bewusstsein und neu durchdacht werden. In der ausschließlich gastfreundlichen Westtürkei war ich manchmal unsicher, wenn ein Gastfreundlicher Mensch erzählte, dass er ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, denn diese türkische Gastfreundschaft hatte er in Deutschland sicher nicht erfahren.

    Jetzt in der Osttürkei, als die ersten Steine flogen, war einer meiner ersten Gedanken: aus was für einem schönen und friedlichem Land komme ich doch, bei uns fliegen keine Steine auf Radler. Doch dann schoss mir siedend heiß die Diskussion im Vorfelde der WM 2006 in den Kopf. Verbände wollten Karten mit No-go-arias erstellen und damit ausländisch aussehende Gäste vor verschiedenen Landkreisen in Deutschland warnen (Bezugsgröße sollte unter anderem die Kriminalitätsstatistik sein). Offiziell wurden solche Karten wohl nicht erstellt, dennoch gibt es sie. Und soweit ich die Lage kenne (auch hier kenne ich nicht alle Details), liegt der Schwerpunkt rassistischer Kriminalität nun mal im Osten unseres Landes.

  4. Dennis Boldt sagt:

    Eine kleine Frage: Ab wo/wann ging das mit den Kindern in etwa los?

    Gruss Dennis

  5. Navi-Martin sagt:

    Ist es wirklich Hass? Wenn ja, wirklich auf Radreisende?
    “Money, Money” klingt eher nach Neid und Frust.
    Dass ich das schwerpunktmäßig als Bildungsproblem sehe, ist Berufsdeformation.
    Aber vielleicht könnte es tatsächlich ein kleiner Baustein sein, den Einheimischen jeden Alters beizubringen, dass sie sich den Tourismus als Einnahmequelle mit Gewalt und Feindseligkeit kaputtmachen.
    Na ja, das Problem wird vielschichtiger sein und der Konflikt Türken-Kurden das Seinige dazu beitragen.
    Ich drücke euch jedenfalls nur alle verfügbaren Daumen, dass ihr da heil durchkommt und die Gastfreundlichkeit doch wieder überwiegt!

  6. Anonymous sagt:

    Moin Ihr Beiden,
    vielen Dank für Euren tollen Block. Ich freue mich immer wenn ein neuer Beitrag kommt. Die Bilder sind auch klasse.

    Allerdings finde es schade, dass es zur allgemeinen Sitte geworden ist, den deutschen Rechtradikalismus immer in den Osten zu verschieben. Geht einmal zu einem HSV Spiel. Soviele Glatzen wie da rumlaufen habe ich in Sachsen noch nie angetroffen! Selbst im gutbürgerlichen Volksdorf werde ich davon nicht verschont. Auffällig ist nur, dass diese braune Brut in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung von Fachpersonal eine viel größere Lobby hat. Ähnlich wird das auch in den kurdischen Gebieten sein.

    Lasst Euch nicht Einschüchtern. Ich denke mal, dass die Landschaft alles wieder rausholen wird.
    Ansonsten wünsche ich Euch weiterhin viel Spaß und das ihr bald über die Grenze kommt.

    Viele Grüße Mirko R.

  7. Martin sagt:

    Hallo,

    unschön mit den Kindern, keine Frage. Aber ich glaube es hat nix mit “Hass” aus Reiseradler zu tun. Die sehen ja nicht oft solche Leute, alss halte iche s für übertrieben von “Hass” zu sprechen. Die freuen sich halt über Fremde, die stattliche bewegliche Ziele abgeben. So schön langsam und gut zu treffen… ;-) )

    Und das sich die Erwachsenen raushalten ist auch Mist. Ich bin dann meist direkt Richtung Ortsältester geradelt und manchmal hat es geholfen. Aber ansonsten hilft nur damit leben lernen – oder einen Stock mitnehmen ;-) )

    Gruß
    Martin

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