Tatvan / Türkei
103. Reisetag
5596 Kilometer
Vor 100 Tagen haben wir den Sprung auf die Räder geschafft und radeln nun glücklich in die Welt. Das Reisen ist Alltag geworden, das Zelt steht abends in wenigen Minuten. Jeder weiß, welche Aufgaben er zu erledigen hat, die Abläufe sind Routine, so dass Zeit für neue Eindrücke frei wird.
Einhundert Tage unterwegs, zehn Länder, unzählige Tassen Tee und eine Menge Erlebnisse. Unserer Meinung nach der richtige Zeitpunkt für eine kleine Zusammenfassung:
1. Das Team
Das Team funktioniert ausgezeichnet. Im Windschattenfahren sind wir geübt, leider ist es bei den schlechten Straßen oft nur sehr bedingt möglich. Die Alltagsaufgaben haben sich gut aufgeteilt. Johanna wacht beispielsweise über die Lebensmittel, aber Andreas muss kochen. Andreas fotografiert und Johanna ist immer wieder ein geduldiges Model. Und da Jeder seinen eigenen Lenker und seinen eigenen Zelteingang hat, wird das Team auch in Zukunft, im oft anstrengenden Reisealltag, funktionieren.
2. Defekte
Johanna:
- Badelatschen in der Slowakei (nicht ersetzt)
- Klapphaarbürste in der Türkei (ersetzt in Istanbul)
- Platte Reifen: vorne 3x; hinten1x
- Div. Löcher im roten Buff (Rundschal)
- Zweimal offene Naht am Zelt
- Fahrradständer vorne, zwei unterdimensionierte Schrauben mussten ersetzt werden
Andreas:
- Platte Reifen: vorne 2x
- Fahrradständer hinten verbogen
- Fahrradständer vorne, zwei unterdimensionierte Schrauben mussten ersetzt werden
- Wollsocken haben das erste Loch (Johanna hat Nadel und Faden aktiviert)
- Brandloch im Deutschlandwimpel am ersten Lagerfeuer in Ungarn
- Defektes Tretlager (Reparatur in Malatya Türkei)
- Die Leichtluftmatratze delaminiert sich an zwei Stellen (wenn sich der Defekt ausbreitet liegt Andreas bald auf einem runden Gymnastikball, oder auf der harten Efazote-matte).
Darüber hinaus gibt es diverse Abnutzungserscheinungen, insbesondere bei der Kleidung. Hoffentlich setzt sich die Abnutzung nicht im gleichen Tempo fort, sondern stagniert irgendwann.
3. Krankheiten
Johanna:
- Sonnenbrand auf der Nase in Rumänien
Johanna und Andreas:
- Leichte Erkältung in Prag
Andreas:
- Lebensmittelvergiftung in Budapest (Hackfleisch)
- Knieschmerzen in Serbien (Sattel neu einstellen half)
- Sonnenbrand auf den Ohren in der Türkei
4. Ausrüstung, die sich über die Maßen bewährt hat
- Selbstgenähte, leichte Beutel zum Sortieren der Ausrüstung in den Taschen
- Klickboxen für Lebensmittel
- Sprach- und Reiseführer (auch wenn sie eigentlich zu schwer für die Radtaschen sind)
- Das Netbook (ohne können wir es uns kaum vorstellen)
- Johannas roter Rundschal, der einen auch noch nach drei Tagen ohne Haarwäsche frisch aussehen lässt und vor der Sonne schützt
- Rückspiegel am Rad, die einen vor verrückten LKW-Fahrern schützen
- Wollshirts, die nicht am ersten Tag Radfahren schon muffeln
- Langarmhemden, die vor der Sonne schützen und einen auch in der Osttürkei noch angemessen kleiden
- Trinkflaschenhalter, die auch Zweiliterflaschen aufnehmen
5. Ausrüstung, die die Taschen unnütz schwer macht
Johanna
- Eine Radhose zu viel, zwei reichen
- Drei U-Hosen zu viel, fünf reichen
- Eine T-Shirt zu viel, drei reichen
Andreas
- Geldtasche die man unter der Schulter trägt
- Zwei Kameraakkus zu viel, zwei würden reichen
- Externes Blitzgerät
6. Was wir vermissen:
Andreas und Johanna:
- Mit Freunden an der Alster grillen
- Mittwochs in der Zinne ein Feuer anreissen und ein Hefe oder Alster trinken
- Schwarzbrot
Johanna
- Segeln und Baden in Ratzeburg
- Lakritze
- In Ruhe Deutschlandradio hören
Andreas
- Paddeln auf der Ostsee
- Der Mac auf einem Schreibtisch (insbesondere beim Videoschneiden)
- Die Soße im Döner
7. Wieso wir weiterfahren:
- Täglich 500g Nudeln essen zu können, ohne schlechtes Gewissen.
- Das Zelt abends auf einen unberührten, oft wunderschönen Platz irgendwo in der Welt aufstellen zu können.
- Die Veränderung von Landschaft, Kultur und Menschen wirklich wahrnehmen zu können, weil man mit dem Rad langsam genug sein kann.
- Völlig andere Lebensumfelder zu erleben und zu sehen, wie Menschen mit diesen Bedingungen umgehen.
- Jeden Tag eine neue Straße und einen neuen Berg fahren zu können.
- Zu wissen, dass es Menschen gibt die unsere Reise über den Blog mit viel Interesse und Neugier verfolgen.
- Weil es noch so viel gibt, was wir nicht gesehen und verstanden haben.
- Weil es ein schönes Gefühl ist, aus eigener Kraft vorwärts zu kommen.
8. Die Eckpunkte eines Modellreisetags:
06:00 Uhr: die Augen schlagen automatisch auf.
06:15 Uhr: Andreas Kocht Wasser für Tee und Kaffee, Johanna schließt die Räder auf und hängt die Schlafsäcke zum Lüften darüber.
6: 30 Uhr: es wird in Ruhe (der Kocher ist jetzt aus!), meist in der Sonne gefrühstückt.
07:15 Uhr: jeder packt seine Taschen und räumt das Zelt, nach und nach landet das Gepäck an den Rädern. Während Johanna noch mit dem Kopf im Zelteingang steckt, löst Andreas die Häringe am Zelt. Johannas Kopf erscheint im Freien und die nasse Zeltseite wird in die Sonne gedreht.
07:30 Uhr: das Zelt trocknet und Andreas und Johanna putzen Zähne und cremen sich dick mit Sonnenmilch ein. Dann wird auch die Packtasche, die den Kulturbeutel aufnimmt geschlossen und das Rad kann weiter beladen werden.
07:40 Uhr: Andreas und Johanna waren hinter einer Hecke und laufen nun ums Zelt und „gucken“ es trocken.
07:50 Uhr: das Zelt ist verpackt und die Räder werden auf den Asphalt geschoben.
08:00 Uhr: rechts und links an unseren Augen fließt Landschaft vorbei, wir halten an einer Quelle und füllen die Flaschen. Wieder Landschaft, später eine kleine Stadt in der wir einkaufen und von Kindern mit „Hello, Hello, wat´s your name, hello hello“ umzingelt werden. Nach dem Einkaufen kommt von irgendwo ein Cay (Tee) und wir werden nach dem woher, wohin befragt. Andreas antwortet den Männern mit wenigen türkisch-englisch-deutschen Gesten und wieder ziehen Berge an uns vorbei.
13:00 Uhr: Johanna macht die Lebensmitteltasche auf und Andreas rollt die Isomatte aus, nach ca. 45 Km ist Mittagspause. Wir essen Brot, Tomaten, Käse und jede Menge Zwiebeln. Wenn wir kurz zuvor eine Einkaufsmöglichkeit hatten, gibt es für jeden einen Liter Ayran (Joghurt/Wasser/Salz-Getränk).
14:00 Uhr, oder doch eher 14:30Uhr?: Die Räder sind wieder beladen und wir rollen weiter über den rauen Asphalt. Wir schauen auf die Karte, bis wo wir heute etwa kommen wollen. Halten wieder an einer Quelle, stoppen evtl. noch einmal in einem Dorf und kaufen Ekmek(Brot) oder essen ein paar Kekse, einen Apfel, oder Feigen am Straßenrand.
16:45Uhr: wir befüllen unseren Wassersack mit 6l Quell- oder Leitungswasser, welches wir an einer Quelle, Tankstelle oder Mosche bekommen.
17:15 Uhr: Die Räder rollen vom Asphalt und Andreas oder Johanna laufen ein Stück zu Fuß in die Landschaft; auf der Suche nach einem Lagerplatz. Ist der Platz gefunden, werden die Räder über Stock und Stein an den Ort der Wahl gebracht.
17:30 Uhr: das Zelt steht und in den Eingängen verschwinden die Taschen. Andreas ist als erstes mit dem Aufpusten der Leichtluftmatratze fertig.
17:45 Uhr: Andreas sitzt vor dem eingerichteten Zelt und baut den Kocher auf. Johanna zieht noch trockene Kleider an, oder hängt den Wassersack zum Duschen an das Stativ. Wenig später weht die Radhose in der Sonne.
18:30 Uhr: Johanna hat die Räder angeschlossen und Andreas ein paar Fotos geschossen. Es wird entschieden, dass es bald Zeit zum Kochen ist.
19:15 Uhr: Johanna hat einen kurzen Eintrag zum Tag in ihr Buch geschrieben und Andreas die Nudeln gekocht. Während er diese abgießt, rührt Johanna noch einmal die Soße – es ist Essenszeit.
19:45 Uhr: Andres setzt das Wasser für den Abwasch auf, Johanna zückt den Schwamm und das Spülmittel.
20:00 Uhr: Alles ist verstaut und im Zelt, man spricht über den Tag, schaut auf einen Berg, schießt ein Foto oder blättert im Reiseführer.
20:45 Uhr: Die Zahnbürsten kommen zum Einsatz und Andreas und Johanna verschwinden müde im Zelt.
21:30 Uhr: Die letzte Kopflampe geht aus, das Buch wird in der Seitentasche des Zelts verstaut, es war ein langer und erlebnisreicher Tag
Dann noch ein großes Dankeschön an alle Leser, die ja auch irgendwie seit hundert Tagen mitreisen.

Schön das es Euch gutgeht und Ihr so viele positive Dinge erlebt.
Ich freue mich immer wenn es etwas neues zu lesen gibt…
Schöne Grüße auch von Isa
LG
Stephan
Auch aus Hamburg ein Dankeschön und herzlichste Grüße!
Ich denke viel an Euch in letzter Zeit, schade, dass ein gemeinsamer Kaffee so schwer zu realisieren ist – egal, wie weit ihr weg seid.
Ich hoffe, wir bekommen ein Treffen in 2012 hin.
Anjani
Ja, ich kann mich Martin und Peter nur anschließen! Ich lese schon von Beginn an mit und es macht mir immer wieder Freude von euch zu hören und zu sehen!
So wünsche ich euch auch weiterhin Glück und Spaß und freue schon auf den nächsten Bericht!
Herzliche Grüße
Malte
Super! Super Zusammenfassung, super Einblicke in den Modelltag (die Mittagspausen hab’ ich schon in den Tracklogs entdeckt)
, super Erfahrungsbericht über die Ausrüstung!
Ich wünsche euch möglichst wenig Regen tagsüber und uns möglichst gute Internetverbindungen, damit ihr weiter so toll berichten könnt.
Daumendrück für die Visa!
Martin
Was für eine schöne Lektüre am Sonntagmorgen. Ich bin einer der Leser, die schon ganz “kribbelig” werden, wenn man ein paar Tage nichts von Euch gehört hat und freue mich riesig für Euch. Vielen, vielen Dank für diese Art der Berichterstattung. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Alles Gute für Euch und viele Grüße aus Bremen
Peter