Hanoi Und dann setzte noch der Nieselregen ein
Jan 022012

AKR_4609 (800x531)Hanoi Vietnam

308. Reisetag

Jahreswende ist in Vietnam erst später

Die Vietnamesen feiern als ihren  Jahreswechsel traditionell das Tet-Fest (23.01.2012). Das Fest bezieht sich nach wie vor auf den chinesischen Mondkalender; Sylvester ist hier ähnlich bedeutungsschwach wie Weihnachten. Bei kühlen Temperaturen essen wir Bratreis und Frühlingsrollen auf der ruhigen Straße der vietnamesischen Kleinstadt Ninh Binh.

Für drei Tage darf es auch mal lauter sein

An den letzten drei Tagen des Jahres haben wir das Fortbewegungsmittel Fahrrad, ganz gegen unsere eigentliche Überzeugung, gegen kleine Motorroller eingetauscht. Mit wehenden Hosenbeinen knattern wir zu dritt durch das ländliche Vietnam und bewundern die Kalksteinformationen dieser Gegend von allen Seiten.

Auf zwei Fahrten trägt uns ein Ruderboot durch Reisfelder in eine bizarre Felsenwelt hinein. Als der Flusslauf im weichen Stein verschwindet und unser Boot durch ausgedehnte Höhlensysteme gleitet,  ziehen wir unsere Köpfe ein

Im Cúc Phương Nationalpark lasse ich meinen Hals noch einmal verschwinden. Auslöser sind hier allerdings keine herabhängenden Stalaktiten, sondern meine Bedenken, dass mir etwas Lebendes in den Nacken fallen könnte. Wir wandern durch dichtes Grün zu einem Urwaldriesen im ältesten Schutzgebiet des Landes (eine der wenigen Waldflächen, die nicht dem Vietnamkrieg oder der Landwirtschaft zum Opfer gefallen sind).

Da bleiben auch für 2012 noch Wünsche

Zum Nachtisch noch eine kleine Banane und damit war das Sylvesteressen beendet – doch auch wenn ich mir ein wenig mehr Feierlichkeit erwünscht hätte, ist der Jahreswechsel eine Zeit des Erinnerns, des Zusammenfassens und des Wünschens.  2011 hat uns reich beschenkt und das macht uns glücklich. Doch zu seinen Geschenken gehört auch das tatsächliche Begreifen, dass wir eine zutiefst ungerechte Welt unterstützen – es bleiben also Zukunftswünsche.

Einige Erlebnisse brennen sich unauslöschlich in unsere Erinnerung

Für mich wäre ein Wunsch, ein Europa, dass die Vorrausetzungen für ein Leben schafft, in dem man durch eigenes Handeln möglichst wenigen Mitmenschen Leid zufügt – mit unserer aktuellen Energie- und Wirtschaftspolitik verletzen wir täglich Menschen. Natürlich wissen wir das alle, aber das persönliche Sehen und erleben der Missstände leistet irreversible Überzeugungsarbeit in unseren Köpfen.

Es gibt Utopien die vor keinem politischen Lager halt machen

Nun gibt es diverse politische Ansätze, die eine gerechtere Welt versprechen. Ich meine, dass Pateipolitik auf einem Radreise-Blog nur sehr bedingt etwas zu suchen hat. Dennoch, gibt es Gedanken zur Zukunft die diskussionswürdig sind und mich 2011 begeisterten und bewegten. Jeremy Rifkin nennt diese Idee „Die Dritte Industrielle Revolution“ und schafft es, sie als eine logische, umsetzbare Utopie zu beschreiben (Buchrezension zu hören auf D-Radio; kritische Rezension zu lesen bei der FAZ; Rifkin im Gespräch auf D-Radio). Diese Idee verheißt gesundes Wachstum und Entwicklung, die nicht/nur wenig auf Kosten Dritter geht, Regionalität stärkt und das wirtschaftliche und politische Zusammenwachsen kontinentaler Bündnisse unterstützt. Seine Vision von einer kollaborativen und effizienten Energie-, Güter- und Wissens- Nutzung, vereint schon heute Gewerkschaftsgruppen mit Arbeitgeberverbänden und die meisten deutschen Parteien.

Sobald man den Fernseher anschaltet wird von der Euro- Krise gesprochen

Für 2012 wünsche ich mir, dass ich in den Medien dieser Welt nicht mehr nur überlaut von der Euro- Finanzkrise zu hören bekomme, sondern das berichtet wird, wie sich die EU als erster Landstrich der Welt in eine wirtschaftlich und ökologisch stabilere Zukunft und damit zu mehr Gerechtigkeit aufmacht; und wenn man sich bei Rifkin bedienen will, die dritte industrielle Revolution gestaltet.

Und wie gestalten wir unsere persönliche Zukunft?

Das also wünschen wir uns für die Zukunft unserer Heimat. Und wie sieht unsere ganz persönliche Zukunft aus? Ein wenig Geld haben wir noch auf unseren Sparbüchern und auch die Neugierde auf die Welt spüren wir noch. Daher pedalen wir auch 2012 weiter. Bis der Kontinent Asien zu Ende ist und es mit dem Rad einfach nicht mehr weiter geht, ist die Route nicht schwer zu erahnen. Danach wollen wir in die Vulkane Indonesiens spucken und dann, ja dann wartet ein neuer Kontinent. Welcher es sein wird, wissen wir selbst noch nicht mit Sicherheit. Regenzeiten, Jahreszeiten, Gebirgszugüberquerungen – was wollen wir nicht verpassen und was wird entbehrlich sein? Die große Freiheit, das wird auch auf dieser Reise wieder deutlich, ist nur eine schöne Wahnvorstellung unseres großartigen Gehirns.

Eine Antwort to “Allen ein glückliches Jahr 2012”

  1. Dennis Boldt sagt:

    Hallo ihr beiden,

    auch ich wünsche Euch alles gute auf eurem weiteren Weg um die Welt. Mir hat dieser Text sehr gut gefallen. Er hat sehr zum Nachdenken angeregt. Nach einigen Monaten auf dem Rad sieht die Welt mit anderen Augen. Entsprechend teile ich Eure wünsche.

    Ich wünsche mir von Euch: weiterhin schöne Berichte und tolle Bilder zum Träumen.

    Schöne Grüße aus Riga,
    Dennis

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