Ostanatolien 100 Tage auf dem Rad – das Reisen ist zum Alltag geworden
Jun 042011

image85 (800x531)Malatya / Türkei

96. Reisetag

5086 Kilometer

Ich liege bäuchlings auf der unteren Matratze eines Doppelstockbetts und überlege mit welchem Thema ich unseren aktuellen Eintrag beginnen soll? Soll ich von Andreas defektem Tretlager schreiben, den täglichen Gewittern, die uns immer wieder auf Bergpässen einholen, oder von kleinen kuriosen Alltäglichkeiten, wie dem Schuhe ausziehen in unserer Pension, der Dusche ohne Dusche, der halbtoten Maus auf dem Klebestreifen?

Ich werde mit dem Wetter beginnen –Wetter geht immer! Jetzt in Malatya auf 950m ü. NN. Ist es hochsommerlich warm, schon um 7Uhr schwitzen wir bei 25°C im Zimmer. In den Bergen, aus denen wir gestern in die Stadt gerollt sind, war man auf über 1700m ü. NN mit einer Jacke noch gut bekleidet. Und ich kann mir kaum noch vorstellen, wir ich fror, als wir uns vorgestern bei eisigem Wind Karahan Pass hochschraubten und uns, in Regenzeug verpackt, in den Straßengraben drückten um den Blitzen vom Gipfel aus zuzuschauen wie sie den Himmel durchzogen. Doch als kurz darauf die Sonne durch das Anthrazit der Wolken blitzte und einen Regenbogen zauberte, waren der lange Aufstieg, Regen und Kälte vergessen.

Nun aber zu den harten Themen des Radlerlebens. Andreas Tretlager knackt seit drei Tagen erbärmlich, man spürt quasi wie sich das Metall in der Kapsel zerdrückt. Klingt jetzt blöde, aber Ersatz und Werkzeug für unsere Tretlager haben wir nicht im Reparaturbeutel – es hieß, dass ein Tretlagerschaden bei unseren Lagern doch sehr unwahrscheinlich sei. Viel unwahrscheinlicher als der Schaden, ist für uns allerdings, hier in Malatya, einen Fahradeladen zu finden, der ein solches Lager schon mal gesehen hat!

Ja, Shimano kennen die drei im zweiten Fahrradladen und Tretlager natürlich auch. Das Sprachproblem überwinden wir mit der Hilfe von Mehmet,  einem in Deutschland lebendem Malatyianer und Googel-translate. Mit Hammer, Stemmeisen und Schraubendreher wird nun also das Stück hochwertigste, japanische Ingieneurskunst bearbeitet, ich kann kaum zuschauen, aber Andreas verhandelt so lange mit den wirklich hilfsbereiten und sehr höflichen Fahrradschraubern, bis ein Paket per express aus Istanbul zu uns unterwegs ist, in dem sich das richtige Lager, mit hoffentlich dem geeignetem Werkzeug, befinden soll. Von der freundlichen Hilfsbereitschaft der Türken bin ich schon jetzt begeistert, von Ihren Qualitäten, Unmögliches möglich zu machen, werde ich hoffentlich Morgen überzeugt sein, wenn wir geräuschlos aus der schönen Stadt Malatya hinaus pedalen werden – also daumendrücken, dass alles gut verläuft.

Nun noch kurz zu der zappelnden Maus und der sanitären Ausstattung unserer Pension. Denn auch wenn es auf unserer Reise nur Kleinigkeiten am Rande sind, beschreibt die Beschaffenheit dieser Räume doch gut die Veränderung der allgemeinen Lebensumstände in der Osttürkei.

Die Räume der Pension sind mit Teppichen ausgelegt, Flecken von Auslegeware neben gewebten Exemplaren – kein Boden, auf dem ich gerne Barfuß laufe, den die Pension ist eher günstig (30TL ~14€ für das DZ) und wirkt auf Nordeuropäer womöglich etwas schmuddelig. Aber mit Schuhen ist ein Einlass nicht zu erwarten. Die Fußbekleidung wird in einem großen Kunststoffregal am Eingang aufbewahrt.

Die Zimmer sind einfach aber hell.

Im Bad mit den zwei Waschbecken, finden sich noch zwei kleine Kabuffs, die separat zu verschließen sind. Hinter einer Tür wartet das Hockklo ohne Papier. Zum Reinigen findet man, wie üblich, einen Wasserharn und einen kl. Kunststoffeimer (gut das sich in Andreas Lenkertasche immer Toilettenpapier findet). Hinter der zweiten Tür hatte ich die Dusche vermutet, 24h Warmwasser wird sogar auf der Visitenkarte versprochen. Doch Duschen sind hier nicht unbedingt üblich. Im Raum befinden sich in 40cm Höhe Wasserhähne, mit denen man eine Schüssel befüllen kann, aus der man sich zum Waschen mit Hilfe einer kleineren Kunststoffschale übergießt – eine praktikable Alternative.

Wirklich unschön ist allerdings der Pappstreiben, der beim Großreinemachen in der Pension plötzlich auf dem Flur auftaucht, und sicher wieder in irgendeiner Kammer verschwinden wird. Er ist mit Kleber eingeschmiert und eine Maus haftet schon fest mit dem Fell an ihm. Wie lange wird sie zappeln  bis sie verhungert sein wird? Gift wäre mir an dieser Stelle wirklich lieber.

Gerade kommt Andreas in den Raum: das Lager ist montiert, alles macht einen guten Eindruck, wir können Morgen wieder auf die Straße. 60TL für Ersatzteil und Versand, die Montage ist auch nach verschiedenen Versuchen der Geldübergabe ein Geschenk an die Reisenden, die die Türkei in Guter Erinnerung behalten sollen –Danke „Yildiz Bisiklet“!

Eine Antwort to “Aus dem Tritt gekommen”

  1. Cord sagt:

    Ankara, Göreme, Ostanatolien… Ich war in Erdkunde eigentlich ganz gut in der Schule, und wenn mich da nicht alles täuscht, ist es nun vorbei mit Europa, oder? Gewöhnt Euch dran, das christliche Abendland liegt nun hinter Euch, ihr habt den Hort der westlichen Zivilisation hinter Euch gelassen, jetzt beginnt die wahre wirkliche Wildnis :o )

    Wie heißt es doch so schön… Es ist eine gefährliche Sache, sein trautes Heim zu verlassen, denn man weiß nie, wohin einen seine Füße tragen.

    Aber wenn ich mir so eure Fotos anschaue, scheint noch alles in bester Ordnung und so lange der Hintern nicht zu sehr schmerzt, weiterhin Euch eine gut Fahrt!!!

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