100 Tage ( OK, 103 Tage ) „Aber es sind doch nur Kinder“
Jun 132011

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Tatvan / Türkei

104. Reisetag

5596 Kilometer

Wir sind im Osten der Türkei angekommen, die Grenze zum Iran ist nahe, erste Straßenschilder weisen den Weg. Doch als wir uns in Ankara entschlossen, die Visa bis China gesammelt über eine Agentur in Berlin zu beantragen, war klar, dass dies Zeit braucht. Unsere Einreise in den Iran kann vor dem 5. Juli daher nicht erfolgen. Gut, dass wir in der Türkei drei Monate ohne Visa bleiben können.

Doch sind wir tatsächlich noch in der Türkei?  Vergleichen wir unsere Eindrücke der letzten Wochen mit den ersten Kilometern in diesem Land, können wir es kaum glauben – alles wirkt auf uns unaufgeräumter, ärmlicher, unfertiger, lauter, fremder, aber auch aufgeschlossener und noch gastfreundlicher. Fragen wie „wie viel Cay (Schwarztee) verträgt ein Mensch am Tag?“ gehen einem beim Radfahren durch den Kopf.

Dieser Eindruck der Veränderung, nährt sich aus diversen kleinen Beobachtungen, die kaum alle zu beschreiben sind. Ich werde daher nur zwei Begegnungen schildern.

Verhandlung am Feldrand: Nach einer Mittagspause in einer Kleinstadt, nach der wir uns, ob der vielen beobachtenden Augen und fragenden Gesten, noch nach ein paar ungestörten Ausruhminuten sehnten. Rollten wir unsere Isomatte unter einem schattigen Baum, an einem vermeintlich ruhigen Feld aus. Wenig später hockte ein Bauer mit seinen zwei Söhnen und seiner Tochter neben uns. Schnell war auch ohne Deutsch- oder Englischkenntnisse klar, wenn wir Deutsche sind, wird er uns seinen jüngsten Sohn (ca. 7 J.) mittgeben. Er soll bei uns im gelobten Land aufwachsen. Der Junge lächelte zutraulich und wäre ohne Zögern in meine Radtasche gestiegen. In Rumänien war eine solche Aufforderung als Scherz auch schon gefallen, aber der türkische Landwirt konnte nicht begreifen, dass  der Deal, den er mit uns machen wollte, einfach nicht Wirklichkeit werden kann.

Auf seinem Feld hockte unterdes nur noch seine Frau und hackte mit der Hand Meter um Meter. Wie so oft, wenn man in der Osttürkei überhaupt Frauen sieht, war sie nur ein bunter Farbkleks auf einem großen Feld.

An der Tankstelle: Weil das etwa 100km lange Tal um Mus sehr dicht besiedelt ist und wir daher nicht unbemerkt hinter einem Berg verschwinden konnten, campierten wir hinter einer Tankstelle. Am Abend liefen 30- 40 Kinder um unser Zelt, die der Tankstellenwärter immer wieder versuchte zu verjagen, aber was kann ein Mann gegen 30 kurdische Kinder schon verrichten?

Eigentlich berichten möchte ich aber nur von einem Foto. Weil auch Andreas (das Sprachgenie unter den Blinden…. oder so) noch immer nicht fließend türkisch spricht, zeigen wir, um nicht stumm zusammen Tee zu trinken, Fotos von uns und unserer Heimat. Ein Foto zeigt mich bei der Arbeit. Mit den zwei Worten „ich“ und „Arbeit“ lege ich es wie die anderen Fotos auch auf den Tisch. Doch dieses Foto löst unter den anwesenden Männern eine Diskussion aus,  immer wieder werden fragend die Wörter „Frau“ und „verheiratet“ an Andreas gerichtet. Wir müssen lange im Sprachführer blättern um glaubhaft versichern zu können, dass es in Deutschland völlig normal ist, wenn Frauen, ob mit oder ohne Mann, arbeiten – und das nicht nur auf dem Feld oder im Haus, sondern auch im Büro an einem Schreibtisch.

Für die Männer stand eines aber dennoch fest, Andreas ist ein bisschen verrückt. Er mutet seiner Frau zu, ohne Bad und Haus auf einem Fahrrad umher zu fahren und lässt sie in Deutschland auch noch arbeiten, ein Türke würde so etwas nicht tun. Wir denken dazu, dass das ewige kochen, die Haus- und Feldarbeit und das Gebären von unzähligen Kindern für eine Frau sicher härter ist. Dass die Idee mit dem Radfahren zum Großteil auch noch meine eigene ist, behalten wir auch für uns. Das Leben in Deutschland ist ganz einfach so anders, dass man es nicht in seiner Gänze mit nur wenigen Vokabeln bei einem Cay erklären kann.

Noch ein Wort zu den Fotos: Von Tatvan aus haben wir den Nemrut Dagi (stiller Vulkan 3050m) besichtigt. Zu Fuß ist der Weg zu weit und mit dem Rad waren wir (Andreas) zu faul, die läppischen 1500 Höhenmeter auf Schotterwegen hinauf zu kurbeln, also haben wir uns vom offiziellen Touristguide in Tatvan finden lassen, der uns für einen wirklich angemessenen Preis hinauffuhr und uns die heißen Quellen und die schönsten Ausblicke zeigte. Wer auch hinauf will, trinkt einfach einen Cay im Centrum Tatvans und lässt sich von Hakim, dem rothaarigen Kurden, finden.

6 Antworten to “Fast ein anderes Land”

  1. Saskia Gremm sagt:

    Hallo ihr zwei Weltenradler!

    Wie viele andere auch,freue ich mich jedesmal,wenn ein neuer Bericht und natürlich die wunderschönen Fotos online gehen.Ihr laßt mich mitreisen auf einer Tour,für die ich niemals den Mut hätte!
    Danke dafür und ich warte gespannt auf alles was noch kommt!

    LG
    Saskia

  2. Filipe Querido sagt:

    Es ist mir immer eine grosse Freude yu sehen, dass ein neuer Bericht von euch online ist. Auch die Fotos sind sehr gut ausgesucht. Eines Tages, da moechte ich auch um die Welt reisen. Dafuer trainiere ich schon mal fleissig hier in Madeira Berge hoch zu fahren. :)

    LG, Filipe.

  3. Marianne N. sagt:

    Hallo liebe Radler, lese immer gern bei euch, schaue mir die Bilder an und erzähle meinen türkischen Duisburgern auch von eurer Reise. Die glauben, ich denke mir eine verrückte Geschichte aus und tippen mit dem Zeigefinger an den Kopf. Auch für die in Deutschland lebenden türkischen Mitbürger ist es kaum zu glauben, eine solche Bewegungsfreude im Leben zu haben. Bleibt gesund und munter. LG Marianne

  4. Martin sagt:

    Ein Traumland für Teetrinker!
    Im Selbstversuch gehen regelmäßig 2,5-4 Liter im Büroalltag ;)
    Ich wünsche euch noch schöne Tage am Van-See!
    Martin

  5. Stephan Berens sagt:

    Ich habe erst jetzt die Funktion zum Schreiben gefunden…

    Vielen, vielen Dank für eure Seite und eure tollen Berichte und Fotos!
    Es ist für mich jedesmal sehr spannend und es fühlt sich fast so an, als wäre ich dabei!
    Macht bitte weiter so!
    Viele Grüße in die Ferne,
    Stephan

  6. Malte sagt:

    Wieder ein sehr netter Bericht :)
    Und an ostanatolische Brote, in der von Andreas gezeigten Größe, könnte ich mich gut gewöhnen :d!
    LG
    Malte

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