Shimian / China
260. Reisetag
13.325 Kilometer
Taumhaft schöne Radtage
Die Sonne klettert langsam über die zerklüfteten Berggipfel, an den Händen ist es noch empfindlich kalt, dennoch lassen sich die Fahrräder schnell packen. In unseren Pässen klebt die Visaverlängerung und wir freuen uns, weiter durch die tibetische Welt von Sichuan rollen zu dürfen. Am Wegesrand gurgeln kleine Bäche, die Gebetsmühlen antreiben und in den malerischen Dörfern winken uns freundliche Tibeter zu – am Abend findet sich ein Platz für unser Zelt unter Birnenbäumen.
Baustellenabsicherung Mèi yóu (chinesisches Wort für: „nicht haben“)
Diese Radleridylle liegt heute 250 Baustellenkilometer und etwa 25 Tunnelkilometer hinter uns.
Seit drei Kilometern treten wie bergauf und bergab in der stickigen Dunkelheit eines Tunnels. Wasser tropft uns auf die Kleider und ohne die ohrenbetäubende Lüftungsanlage wäre die Sicht durch den Zementstaub und die Abgase sicher noch schlechter. Mehrfach müssen wir uns für einen der vielen Tunnelabzweige, in dieser durch Baufahrzeuge und Schwerlastverkehr belebten Welt, entscheiden. Nach weiteren drei Kilometern sehen wir hinter einer Kurve endlich Tageslicht. Ich bin heilfroh, zumindest diesen Abschnitt der chinesischen Megabaustelle verlassen zu haben, bevor der nächste chinesische „Rennfahrer“ in die, im Tunnel ungesichert gelagerten Gasflaschen rast.
Für uns ist es hart, uns zwischen den genervten Auto- und LKW- Fahrern, einen Weg über die unbefestigten, Steinigen und matschigen Pisten, am Rande der Straßenbaustelle zu bahnen, doch für die Wanderarbeiter, die in dieser gefährlichen Welt ihre Gesundheit verlieren, ist das Leben um einiges härter.
Auf chinesischen Großbaustellen zählt ein Menschenleben weniger
Bei einer Reifenpanne versammelt sich ein Trupp neugieriger Bauleiter um uns. Sie sind mit Warnwesten und Luftfiltern ausgestattet. Ihre Arbeiter stehen jedoch mit dünnen Gummisohlen und ohne Absturzsicherung auf der Schaufel eines Baggers hinter uns. Sie verlegen einen Belüftungsschlauch in eine entstehende Tunnelröhre. Doch vor dem giftigen Staub wird sie auch dieser Luftkanal nicht bewahren – denn sie tragen, wie alle einfachen Arbeiter in China, zum Schutz ihrer Gesundheit lediglich einen Helm auf dem Kopf.
Die fehlende Sicherheit und das unbedarfte Lachen der Bauleiter macht mich wütend, doch auch ohne Sprachbarriere sind die Werte der Chinesen so verschieden von den unsrigen, dass man sich gegenseitig kaum versteht.
Ja sind wir den hier im Dschungel?
Wir verlassen das Tal des Straßenbaus und landen auf einer noch durchweichteren Piste. An steilen Berghängen fahren wir vorbei an ersten Bananenpalmen, Zitruswäldern und abrutschenden Berghängen nach Shimian. Wie sind nach 2 ½ Monaten im Land nun in China angekommen. Die Uiguren haben wir vor Wochen in der Taklamakanwüste zurückgelassen und nun haben wir auch die freundliche Welt der Tibeter in den hohen Lagen der chinesischen Bergwelt verlassen.
