Osijek / Kroatien Belgrad (Beograd)
Apr 172011
Wasserturm Vukovar

Wasserturm Vukovar

Vor 20 Jahren begann in Jugoslawien ein Krieg – sicher, dass haben wir gewusst. Doch für uns lag dieser Krieg nicht nur 16 Jahre zurück, sondern war auch sonst, obwohl in Europa, weit entfernt. Dennoch, sobald wir Kroatien erreichten kam uns dieser Krieg näher als wir erwartet hatten.

Entlang unseres Weges sahen wir immer wieder Schilder, die vor Landminen warnten. Unheimlich, nicht überall unbesorgt hinter einen Busch verschwinden zu können. Angsterfüllend, welche Konsequenzen einem drohen, wenn eines dieser Schilder einfach umkippt.

In Osijek suchen wir eine Bleibe für die Nacht. Ein netter junger Kroate hilft uns. Sein Deutsch ist gut, denn er ist drei Jahre in Berlin zur Grundschule gegangen. Seine Eltern konnten vor dem Krieg zu einem Onkel nach Deutschland fliehen.

Am nächsten Tag eine kurze Etappe nach Vukova. Wir haben dort eine nette Einladung und wollen uns gerne die damals hart umkämpfte Stadt anschauen. Auf dem Markt, vor dem Stadtplan stehend, fragen wir einen weiteren jungen Kroaten um Hilfe, wir finden die gesuchte Straße nicht. Auch er antwortet auf gutem Deutsch, auch er ist ein paar Jahre in eine deutsche Grundschule gegangen. Seine Eltern mussten aus der Stadt fliehen, nachdem sie von den Serben nach monatelangen Kämpfen eingenommen worden war.

Wir finden die Straße  unseres Gastgebers Slavisa und stehen vor einem Haus mit etlichen Einschusslöchern, es ist bei weitem nicht das Einzige mit diesem Merkmal im grauen Putz. Slavisa zeigt uns sein Vukova: Die orthodoxe Kapelle, den Luftschutzbunker, dass antiserbische Grafitty in einer Durchfahrt, den total zerschossenen Wasserturm, das ausgebrannte Kaufhaus und die Spuren der Granaten im Asphalt.

Monate hatte er mit seiner  ukrainischen Mutter und seinem Bruder im Keller gesessen. Sein serbischer Vater hatte die Stadt verlassen. Später fürchteten sie im Keller vor kroatischen Kämpfern nicht sicher zu sein und zogen in den Luftschutzbunker der Stadt. Als die Straßenkämpfe zu Ende waren und die Serben die verbleibenden kroatischen Männer vor der Stadt erschossen, konnte sein Vater zurückkommen. Alle Kroaten mussten ihre Häuser räumen – einige kamen nach Deutschland.

Für den siebenjährigen Slavisa folgten aufregende Kriegsjahre in einer, vom Krieg gezeichneten, Stadt. Was man benötigte wurde aus leerstehenden Häusern geholt. Gespielt wurde mit Granaten und Kalaschnikows.

Heute leben Kroaten und Serben zusammen in der Stadt. Slavisa meint, dass die Abstammung durch die unterschiedliche Konfession heute sehr in den Vordergrund gestellt würde. Orthodoxe (Serben) und katholische (Kroaten) Kinder würden in getrennte Kindergärten gehen.

Uns ist aufgefallen, dass die offizielle kroatische Geschichtsschreibung (an Informationstafeln und in Broschüren) sehr nationalistisch ist. Die Kroaten sehen sich den Serben gegenüber in einer klaren Opferrolle. Sicher haben sie damit nicht unrecht, doch wie soll ein Zusammenleben so gestaltet werden? Wie soll Slavisa  sich in seinem Kroatien zuhause fühlen? Wie hatten den Eindruck, dass es sehr schwierig für Ihn ist – für Slavisa, der mit 7 Jahren im Luftschutzbunker saß und von den kroatischen Hilfskräften keine Lebensmittel bekam, da sein Vater Serbe ist.

Da wir Kroatien inzwischen hinter uns gelassen haben, findet Ihr, wie immer, unseren Abschluss unter Route.

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