Vinh / Vietnam
313. Reisetag
15.125 Kilometer
Der schmale Feldweg endet und unsere Reifen versinken im weichen Sand. Wir haben das Ende des Eurasischen Kontinents erreicht – vor uns schlagen die flachen Wellen des Süd-Chinesischen Meeres auf den Strand. Glücklich schauen wir uns an; hier wollen wir eine Nacht dem Wasser lauschen, bis es Morgen und Übermorgen in westliche Richtung nach Laos geht.
Wir sitzen vor unserem Zelt und schauen noch ein wenig in die Dunkelheit und auf die Wellen, ein Fischerboot ist auf dem Wasser zu erkennen. Es ist sieben Uhr und bereits seit eineinhalb Stunden dunkel. Andreas sagt gerade, dass er sich auf seinen warmen Schlafsack und sein Buch freut, als ich Männerstimmen am Strand höre und Andreas bitte seine Kopflampe zu löschen.
Ich spüre den Griff meines geöffneten Klappmessers am Schenkel, als wir und unser Zelt von vier Taschenlampen angeleuchtet werden und sechs Männer durch die lichten Bäume vom Strand auf uns zugehen. Zwei tragen eine Uniform und alle schauen sich wachsam unser Zelt und den kleinen Wald an.
Umständlich notiert sich der Uniformierte unsere Namen und alles was er sonst noch so Interessantes im Pass findet. Einem älteren Mann dauert dies alles zu lange. Er beginnt mit seinem Schlagstock in unseren Sachen zu stochern, als ich mit ernster Miene unseren Wasserkessel aus seiner Reichweite nehme, wendet er sich Andreas zu und bedeutet ihm, dass wir einpacken sollen.
Zwei Stunden später; wir sitzen vor einem Hotelzimmer und schauen noch ein wenig in den Nieselregen. Er hatte eingesetzt, während wir die Räder über den Strand auf die nächtliche Nationalstraße rollten. Auch ohne ein einziges verstandenes Wort war uns, nach dem der Uniformierte uns unsere Pässe wieder ausgehändigt hatte, klargemacht worden, dass kein Diskutieren hilft und wir den Platz zu räumen haben.
Es gibt so viel Kleines, Schönes, Schreibenswertes im Land; Hotel – Lobbys, in denen betende Männer auf dem Boden sitzen, trommeln, Räucherstäbchen abbrennen und so ihrer verstorbenen Ahnen gedenken; Vietnamesen, die im damaligen Bruderstart DDR (Deutsche Demokratische Republik) lebten und nun gerne ein wenig mit Deutschen plaudern; aufgeregte Kellnerinnen, die sich an unseren Tisch stellen und gedankenversunken mit Andreas dreckigen Radhandschuhen auf der noch dreckigeren Tischplatte umherwischen, aber all das rückt in den Hintergrund, wenn man auf der vollen und von Schlaglöchern durchzogenen AH1 (Hauptstraße durch Vietnam; verbindet Hanoi mit HoChiMinh City/ ehemals Saigon) von vorbeirauschenden LKW mit Schlamm bespritzt wird.
