Iran

Islamische Republik Iran / Eslâmî-ye Îrân Vorder-Asien
Fläche (Weltrang: 17): 1 648 000 Quadratkilometer
Einwohner: 68 251 000 = 41 je Quadratkilometer
Hauptstadt: Teheran
Das Land ist zu vielschichtig und zu fremd, um es in vier Wochen begreifen zu können. Einiges haben wir dennoch erlebt und gesehen. Unser erster Eindruck war sehr gespalten. Einerseits kam uns der Staat auf einigen Gebieten sehr modern vor, doch auf der anderen Seite befinden wir uns hier in einer Art Mittelalter.
Zeit und Strecke:
Wir haben den Iran vom 05.07. bis zum 01.08.2011 bereist. Eingereist sind wir über die türkisch- iranische Grenze bei Maku. Über Tabriz und Ardabil haben wir das Kaspische Meer erreicht, dessen Ufer wir, immer gen Osten, bis Gorgan folgten. Danach ging es wieder in die Berge und über Bojnurd und Quchan nach Maschad. Am 01.08.2011 haben wir den Iran bei Sarakhs Richtung Turkmenistan nach cirka 2050 Kilometern verlassen.
Wetter:
Dass die Sonne ununterbrochen schien, versteht sich von selbst, die Gefahr eines Sonnenbrandes stellt sich durch die Kleidervorschriften dennoch nicht. Wir haben über die Mittagsstunden bei fast 40°C im Schatten geschwitzt. Eine ausgedehnte Siesta war unerlässlich. Auf über 1000m Höhe waren die Nächte jedoch durchaus erholsam kühl. Keine Abkühlung gab es in der tropisch- feuchten Hitze am Kaspischen Meer. Hier blieben es auch in der Nacht über 30 °C im Zelt.
Radfahren und Straßenverkehr:
Der Asphalt im Iran ist nach der Türkei eine wirkliche Erholung. Insoweit wir überhaupt Steigungen hatten (zwischen Minu Dasht und Bojnurd) waren die Anstiege sehr sanft. Leider findet sich nicht an allen Straßen ein befahrbarer Seitenstreifen, so dass man dem motorisierten Verkehr oft näher ist als erhofft. Eine große Rolle beim Radfahren im Iran hat für uns der Wind gespielt. Im West-Iran hatten wir große Probleme mit konstantem Gegenwind, später, im Ostteil des Landes war der Wind berechenbar, da er täglich in gleicher Weise auffrischte und seine Richtung über den Tag änderte.
Da wir durch einen sehr dicht besiedelten Teil des Iran geradelt sind, war die größte radlerische Herausforderung für uns der dichte und chaotische Straßenverkehr in Iran.
Die Iraner fahren gerne in ihrem vollgeladenem Saipa (Iranische Automarke) zum Picknick oder ans Meer. Ganz im Gegensatz zur Türkei sind die iranischen Straßen übervoll mit Individualverkehr, Überlandbusse sind deutlich in der Minderheit. Da man, insbesondere am Kaspischen Meer, von einer Stadt in die nächste fährt, wird man mit den Verkehrsregeln der Iraner schnell und eindrucksvoll vertraut. Wichtig zu wissen ist, dass Ampeln, ob mit oder ohne Verkehrspolizist auf der Kreuzung, genau so wenig zu bedeuten haben, wie die Anweisungen des Beamten. Zudem gibt es keinen Schulterblick ( Hier scheint ein Gendefekt bei den iranischen Autofahrern vorzuliegen) im Iran – zunächst wird gefahren und der nötige Platz ergibt sich dann schon von selbst. Ebenso wird nicht geblinkt und es wird kein Helm oder Anschnallgurt verwendet. Wichtigstes Mittel zur Anzeige, dass das eigene Auto rollt, ist die Hupe. Leider wird, sobald Radreisende in Sicht kommen, ebenfalls gehupt, so dass das Hupen, zum Anzeigen einer Richtungsänderung usw., nicht von uns wahrgenommen werden kann.
Wer Oldtimer liebt, kommt in Iran voll auf seine Kosten. In den 60er und 70er Jahren hat Mercedes augenscheinlich gute Geschäfte mit dem Land gemacht. Denn noch heute fahren unzählige LKW und Busse aus dieser Zeit auf den iranischen Straßen.
Landschaft und Wildzelten:
Nie hatten wir so große Schwierigkeiten einen geeigneten Platz für die Nacht zu finden. Der Norden des Iran ist extrem dicht besiedelt und landwirtschaftlich belegt. Die flache und daher über einige Strecken eher langweilige, steppenartige Landschaft bietet kaum Sichtschutz.
Verständigung und Sprache:
Nicht alle Iraner sprechen Englisch, aber doch erstaunlich viele. Zudem findet sich auf nahezu jedem Produkt, das man kauft, eine Beschreibung auf Englisch (man erlebt beim Einkaufen wenig Überraschungen!). Auch die Straßenbeschilderung ist fast immer auch auf Englisch – wir sind begeistert und finden dies absolut vorbildlich.
Dennoch stoßen wir oft an unsere Grenzen. Die Schriftzeichen, die Zahlen, die Sprache, der Kalender – alles ist völlig anders und für uns nicht mal eben so zu lernen. So fühlen wir uns oft als Analphabeten und wenn der Hotelier auch unsere Zahlen nicht lesen kann oder mag, wird die Preisverhandlung zur Herausforderung. Konnten wir sonst mit Zettel und Stift Antworten, wenn die Frage nach dem Abreisedatum auftauchte, führt das Datum 01.03.2011 jetzt zu größeren Verwirrungen, denn der iranische Kalender hat mit dem Gregorianischen wenig gemein.
Wilde Tiere:
Jeden Morgen klopfe ich vorsichtig meine Schuhe und Klamotten aus, denn Schlangen und Skorpione lieben Höhlen. Doch wir trafen diese Zeitgenossen nur Tot auf der Straße. Probleme hatten wir allerdings mit den unzähligen Ameisen, die einfach überall sind und in den trockenen Gebieten auch schon eine ernsthafte Größe aufweisen.
Essen:
Auch nach längeren Erklärungen verstehen die Iraner nicht, dass ein Vegetarier weder Hühner, noch Fisch, noch Hamburger und auch keine Wurst auf der Pizza isst und dennoch nicht krank ist. Auf Gemüsebrühe zu bestehen, habe ich schon in der Türkei aufgeben müssen – immer wieder greifen wir auf „vegetarische“ Hühnerbrühe zurück. Doch hier im Iran freute sich Andreas öfter über eine doppelte Portion „vegetarische“ Hühnerpizza und „vegetarische“ Sandwiches. Schade, wir kochen zwar fast immer selbst, aber in der Stadt ist es oft günstiger 1500 Rial (~1€) für ein riesen Sandwich zu zahlen, als selbst einzukaufen.
Wenn also nach langen Versicherungen und Erklärungen, wieder eine Geflügelwurstpizza vor mir steht, ärgere ich mich besonders kein flüssiges Farsi zu sprechen. Denn ich bin mir sicher, dass der vor mir stehende Moslem auch keine Pizza mit Schweinefleisch unter dem Gemüse essen würde – sicher noch nicht einmal ein Gummibärchen mit Schweinegelantine und auch keine Brühe mit Schweinefleisch. Aber ich kann leider nicht für Verständnis meiner Position werben; ich hätte besser Farsi lernen sollen.
Was nicht in deutschen Reisepässen steht:
Wollen wir in ein Hotel einchecken, stellen wir den Wirt stets vor größere Probleme. Wie soll er aus den Pässen heraus unsere Nationalität und unsere Namen feststellen? Wir erklären gerne, hinter welchen Schriftzeichen sich welche Information verbirg, aber wirklich kompliziert wird es bei der stets auftauchenden Frage nach dem Namen des Vaters! Natürlich findet sich eine solche Angabe in keinem deutschen Pass (ist ja schließlich nicht der Pass meines Vaters mit dem ich reise). Dies aber einem iranischen Hotelier zu erklären ist schwer. Uns schein es oft die für ihn wichtigste Frage zu sein.
Begegnungen:
Richtig positiv fanden wir das freundliche Interesser der Iraner an uns Europäern, sowie die Einladungen und Gastfreundschaft. Immer wieder wurde uns Obst und Kuchen zugesteckt, wenn wir über die staubigen Straßen pedalten; einmal bezahlte ein Gast eine Rechnung in einer Raststätte für uns und wünschte einfach eine gute Reise. Ebenfalls genossen haben wir die Zurückhaltung der neugierigen Iraner, sobald wir kochten, aßen oder ein Mittagsschläfchen hielten. Aus der Türkei waren wir es gewohnt, dass die Menschen einen solange belagerten, bis man selbst weiter reiste. Die Mentalität hier ist angenehmer – nach ein paar interessierten Fragen und einem Foto hat man meistens wieder seine Ruhe.
Dennoch, Einladungen sind oft auch anstrengend für uns. Ohne sich unterhalten zu können sitzt man sich gegenüber, wird man mit allen Freunden abwechselnd fotografiert, oder landet stundenlang in Englischklassen. Wir zeigen dann oft Fotos und blättern im Sprachführer, aber unsere eigenen Wünsche (duschen, waschen, essen, Schlafen, Webseite aktualisieren) kommen oft zu kurz. Um nicht zu häufig übermüdet auf dem Rad zu sitzen, müssen wir immer mal wieder absagen. Auch dies ist nicht ganz einfach. Denn ohne ausgefeilte Sprachkenntnisse, ist es schwierig abzusagen, ohne die Menschen zu kränken.
Glaubensregel und der Umgang zwischen Männern und Frauen:
Trotz der vielen freundlichen Iraner - wir freuen uns das Land nach vier Wochen zu verlassen. Ich ertrage es kaum noch in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt nicht zu existieren und Andreas fühlt sich in eine Beschützerrolle gedrängt, die ihm eben so wenig zusagt. Sicher, ab und an lächelt mir eine Frau zu, aber im Alltag spielen hauptsächlich Männer eine Rolle, die mich aus Höflichkeit meist komplett ignorieren. Lediglich Andreas wird über mich befragt. Mann traut sich kaum mich anzuschauen. Wenn ich allein bei den Rädern stehe, nähert sich nur ab und an ein besonders Mutiger und fragt, ohne mich anzuschauen, aus welchem Land wir denn kommen, danach positioniert er sich wieder, in angemessener Entfernung, bei anderen Männern.
Befremdlich, aber auch manchmal lustig, sind die Gesichter, wenn mich ein Mann anspricht oder mir die Hand gibt und erst dann merkt, dass er es mit einer Frau zu tun hat. Denn welcher Iraner rechnet schon mit einer Frau auf einem Fahrrad und dann auch noch ohne Tschador (Ganzkörperschleier)?
Pässe werden von den Hoteliers grundsätzlich eingezogen. Als ich zum Geldwechseln meinen abholen wollte, wurde nicht mir mein Pass ausgehändigt, sondern Andreas seiner. Wieso auch sollte eine Frau Geld wechseln wollen?
Zudem haben wir echte Probleme mit unserer Toleranz. Bei einigen Glaubensregeln, die in der islamischen Republik Iran Gesetz und somit auch von Nichtgläubigen einzuhalten sind, will uns der Sinn nicht klar werden.
Für uns sieht es schlicht nach menschenverachtender und frauenunterdrückender Schikane aus, wenn wir die Kleiderordnung, z.B. am Badestrand, erleben. Zudem wollen wir uns nicht laufend wie Kriminelle fühlen, wenn wir als nicht offiziell verheiratetes Paar ein gemeinsames Hotelzimmer mieten – glücklicherweise wurden wir nur einmal gebeten eine Heiratsurkunde vorzulegen.
Und was ist eigentlich mit einer kleinen Revolution:
Nach den Aufständen in Nordafrika haben wir immer wieder genau hingehört, wenn die Sprache auf Iran kam. Wäre nicht auch hier ein Aufstand oder ein Umsturz möglich.
Uns ist sehr bewusst, dass wir hierüber keine handfeste Aussage treffen können. Doch ein Gefühl für dieses Thema haben wir dennoch entwickelt. Wir spürten im Land wenig Aufruhr. Sicher gibt es in den Großstädten eine gebildete Schicht junger Menschen, die das Kopftuch immer tiefer rutschen lassen, Bücher im Ausland veröffentlichen und das Internet mit kritischen Inhalten füttern, aber aus unserer Sicht lebt die große Mehrheit der Menschen ohne starke Zweifel an der Richtigkeit der strengen Vorschriften.
Ich denke für einen Aufstand, der durch die breite Masse getragen würde, bedarf es nicht nur absurder Verhaltensregeln und einer menschenunwürdiger „Rechtsprechung“, sondern es braucht wirtschaftliche Not. Und diese Not haben wir in Iran nicht im großen Ausmaß gesehen.
Aber wer weiß, die Menschen sind durchweg gut gebildet und evtl. führt eine Lockerung der Regeln zur Nächsten…
..denn vielleicht ist es ja auch schon eine kleine Revolution, dass ich als Touristin mit einfacher Hemdbluse und lockerem Kopftuch, auf einem Rad, durch den Iran reisen darf, ohne von Sittenwächtern behelligt zu werden.
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