Türkei

Republik Türkei / Türkiye Cumhuriyeti Südost-Europa/Vorder Asien
Fläche (Weltrang: 36): 779 452 Quadratkilometer
Einwohner: 72 065 000 = 93 je Quadratkilometer
Hauptstadt: Ankara
Zwei Monate sind wir durch das freundliche und landschaftlich interessante Reiseland Türkei geradelt. Der Abschlussbericht fällt da naturgemäß etwas länger aus. Unten diverse Themen von denen wir Euch berichten wollen.
Strecke und Zeit: Am 04.05.11 haben wir die Türkei am Grenzübergang Kirklareli von Bulgarien (türk.: Bulgaristan) aus erreicht. Unsere Route führte uns über Istanbul, Yalova, Ankara, Kappadokien, Kayseri, Malatya, Elazig, Mus und Tatvan nach Doğubeyazıt. Wo wir am 05.07.11 die Grenze zum Iran erreichten. In den zwei Monaten haben wir gut 2100 km Straße unter unseren Reifen gelassen, unzählige Höhenmeter erklommen und wochenlang auf unser Iran- Visum gewartet (unter anderem auch am Mittelmeer).
Wetter: Nachdem wir zu Beginn noch kaltes, nebeliges Wetter durchfuhren, freuten wir uns am Ende der Reise auf kühlere Hochebenen, da die Hitze der Täler oft nur noch zu ausgedehnten Pausen einlud. Teilweise gab es fast täglich ein kühlendes Gewitter, das nach kurzen heftigen Regenfällen aber meist schnell abzog.
Verkehr und Straßen: Im Westen der Türkei sind die außerhalb der Metropolen wenig befahrenen Straßen meist vierspurig ausgebaut. Im Osten ist der Ausbau entweder im vollen Gange, so dass man sich durch matschige Baustellen schlängelt, oder man teilt sich die einzige Spur mit Schwerlastverkehr und Bussen. Das Aufkommen von PKW ist nur um die großen Städte erheblich. Leider ist der Asphalt in der Türkei, bis auf wenige Ausnahmen, sehr rau und der eigentlich bequem zu befahrende Seitenstreifen meist mit Scherben und Draht aus geplatzten LKW Reifen übersät.
Dennoch fühlten wir uns auf den türkischen Straße nach den Erfahrungen in Serbien und Bulgarien zumeist wohl. Die größte Herausforderung war die Einfahrt nach Ankara. Hier fuhren wir gezwungenermaßen auf einer zur Stadtautobahn ausgebauten Schnellstraße und fädelten uns über 15 km immer wieder auf die richtige, der sechs Fahrspuren ein.
Auffälligstes Merkmal des türkischen Verkehrs ist allerdings das ohrenbetäubende Hupen. Kaum ein LKW fährt an einem vorbei, ohne einen seiner diversen Huptöne von sich gegeben zu haben. Aus unserer Sicht verfügt der gemeine LKW-Fahrer in der Türkei über verschiedenste Töne, die er ganz nach Grund und Belieben einsetzen kann. Sehr beliebt zum Grüßen von Radreisenden ist die Fanfarenhupe, die nachhaltig in den Ohren der Gegrüßten nachklingt.
Fahrradfahren: In der Türkei fahren eigentlich nur Kinder mit dem Rad. Wie sahen nur einen einzigen Rennradfahrer vor Istanbul. Entsprechend überschaubar sind die Reparaturmöglichkeiten. Zudem fehlt den meisten Türken jegliche Vorstellung davon, wie schnell, oder wie weit man mit einem Rad fahren kann (Oft nahm man an, wir wären in wenigen Tagen aus Deutschland in die Türkei geradelt, oder beschrieb uns ein Hotel in 70 km Entfernung, wenn wir abends müde und durchnässt nach einer Unterkunft fragten).
Was haben wir bei der Fahrt durch die Türkei genossen: Die Freundlichkeit der Menschen gewinnt einen sofort für das Land. Mit Interesse wird man immer wieder befragt und beschaut. Sobald man anhält, oder auch nur irgendwo vorbeiradelt, wird einem mindestens Cay angeboten. Zudem hatten wir in der Westtürkei immer das Gefühl der absoluten Sicherheit. Wir konnten unsere bepackten Räder vor einem Laden parken und problemlos zu zweit einkaufen. Cay trinkende Männer sorgten mit strengen Blicken immer dafür, dass die neugierigen Kinder Abstand zu den Rädern hielten.
Besonderheiten in der Osttürkei (kurdische Gebiete): Man kann nicht generell davon sprechen, dass die Menschen weniger gastfreundlich sind. Oft hatten wir sogar das Gefühl, dass die Bevölkerung hier noch aufgeschlossener und neugieriger ist. Dafür haben wir die Kinder als deutlich frecher erlebt. Schnell untersuchten kleine Hände das bepackte Rad. Leider mussten wir in einigen Gegenden immer wieder erleben, wie wir von Kindern penetrant und aggressiv angebettelt und mit Steinen beworfen wurden.
Verständigung / Sprache: Die Türken waren uns gegenüber immer sehr hilfsbereit und haben sich gerne mit uns „mit Händen und Füßen“ verständigt. Das war oft auch notwendig, da wir nur wenige Wörter türkisch verstehen und sprechen. Wichtigste Wörter waren: woher, wohin, verheiratet, Kinder, Brot, Wasser, Ayran. Auffällig ist, das Türken (vor allem im Osten) kaum Englisch sprechen. Selbst im Kreise von Studenten, befand sich nur sehr selten jemand, der uns auf Englisch sagen konnte, was er denn eigentlich studiert. Ansonsten kennt man nur „Hello“, „What´s your name“ und „money“, schon bei „and what is your name?“ hörte die Verständigung auf und man wurde, oft etwas vorwurfsvoll gefragt, ob man den kein Türkisch spreche.
Rund um Bingöl trafen wir vermehrt auf Menschen, die deutsch oder holländisch sprechen. Sie haben für ein paar Jahre im Ausland gearbeitet.
Zudem verwenden Türken nur wenige Anglizismen: Wörter wie BBQ, Holiday, vegetarian, Website und andere, im „Westen“ gängige, versteht hier kaum Jemand.
Trinkwasser: Vielerorts trifft man in der Türkei auf Trinkwasserquellen. Sehr praktisch für Radreisende. Allerdings ist der verschwenderische Umgang mit dem Nass für uns Deutsche nur schwer zu verstehen (Wasserhähne laufen ohne ersichtlichen Grund einfach rund um die Uhr). Insbesondere wenn man an die Wasserprobleme der Nachbarländer Iran und Syrien denkt, denen durch Stauseen in der Türkei, Wasser aus Euphrat und Tigris verloren gehen.
Erschrocken hat uns auch der Umgang mit Benzin, dass ggf. einfach in den nächsten Bach oder auf die Straße gekippt wird, wo es, mit dem permanent laufenden Trinkwasser, schnell tief in die Erde gespült wird.
Was wir Euch gerne auf Fotos gezeigt hätten: Muslimisch korrekte Frauenbademode (mit Kopftuch und langen Klamotten in die blauen Fluten des Mittelmeers). Mehr Bilder von Mädchen und Frauen(wenn sie überhaupt zu sehen sind, lassen sie sich nicht fotografieren). Die oft wie kleine Burgen aussehenden Stationen der Jandarma (Militärpolizei) in den Bergen der Osttürkei.
Wie ich als Frau die türkischen Männer erlebt habe: Als Reisende trifft man fast immer auf Männer; Frauen sahen wir auf dem Feld arbeitend oder vermuteten sie zu Hause. Im öffentlichen Leben bestimmen Männer das Bild.
In den größeren Städten (Istanbul, Ankara) kann man bei der Durchreise kaum Unterschiede zu westlichen Städten spüren. Auf dem Land hingegen sehr. Automatisch wird Andreas angesprochen, er ist es auch, dem man die Hand zum Gruß gibt, mir schenkt man meist nur ein freundliches Nicken (Insbesondere ältere Landbewohner geben einer Frau nicht die Hand). Frage ich beispielsweise nach dem Weg, passiert es oft, dass zunächst Andreas angeschaut wird, bevor man mir dann doch antwortet, weil ich die Karte in den Händen habe.
In Andreas Gegenwart, so kommt es mir vor, werde ich nur als sein Anhängsel, freundlich mit im Land willkommen geheißen.
Wieder muss ich separat vom Osten des Landes berichten: Das Gefühl als Frau nur als ein Teil von Jemandem wahrgenommen zu werden, kann ich für eine Reise natürlich respektieren, ein Leben in der Türkei würde aufgrund dieser Tatsache für mich jedoch nicht infrage kommen.
Und doch wünsche ich mir, auf den letzten Km in der Türkei, diesen zurückhaltenden Umgang mit mir als Frau teilweise sogar zurück. Wir wollen uns das Leben in der Türkei anschauen, revolutionieren können wir es bei einer kurzen Durchreise ohnehin nicht. Daher fahre ich mit langer Hose und mit langem Oberhemd. Und trotz der biederen Kleidung werde ich immer wieder mit einem lasziven „Hello!?“ angesprochen, die Distanz der Türken zu mir als Frau nimmt auf eine unangenehme Weise ab. Laufe ich ohne Andreas durch eine Kleinstadt, echot das Wort „Hellouuu“ in meinem Rücken. Zu dem reicht man mir wieder die Hand, um im Sichtschutz des Zeltes zu versuchen, meine Hand zu küssen oder unter Andreas Blicken mit einem Finger meine Innenhand zu kraulen!
„Freiwillig“ trage ich hier in einigen Dörfern Kopftuch, einfach um Ruhe zu habe. Doch meine blauen Augen verraten mich dennoch als Westeuropäerin; was auch immer das bei türkischen Männern für Assoziationen hervorruft, es veranlasst einige von Ihnen, ihren viel gepriesenen Respekt zu verlieren.
Türkei ein EU Beitrittskandidat? Die Türkei war auf unserer Reise das erste außereuropäische Land. Welches trotz des gesetzlich festgeschriebenen Laizismus, in den alltäglichen Traditionen stark muslimisch geprägt ist.
Wir haben uns auf der Reise immer wieder die Frage gestellt, ob ein Beitritt zu EU, wie er von Erdoğan (Ministerpräsident der Türkei) angestrebt wird, aus unserer Sicht möglich wäre. Bei diesen Überlegungen auf dem Rad haben wir natürlich nur Themen diskutiert die uns beim vorbeiradeln auffielen. Zahlen und andere harte Fakten bleiben da im Verborgenen.
Zunächst haben wir in den Beinen gespürt, dass der Großteil des Landes nicht in Europa, sondern in Asien liegt. Doch dies ist natürlich nur ein sehr oberflächliches Argument, da die EU sicherlich hauptsächlich aus dem Gedanken heraus entstanden ist, einen politisch und wirtschaftlich zusammenhängenden Raum schaffen zu wollen.
Bezeichnend fanden wir jedoch die Kommunikationsprobleme. Während In den osteuropäischen Ländern fast alle die wir trafen englisch und eine weitere Fremdsprache sprachen, so dass ein Austausch meistens möglich war. Auch die Lebensthemen glichen sich auffallend, man sprach über den Job, Politik und Infrastruktur. In der Türkei ist dies völlig anders. Hier steht das Thema Familie immer an erster Stelle (das ist keineswegs negativ zu verstehen; es ist nur unglaublich auffällig für uns, dass die erste Frage stets die nach der Ehe und den Kindern ist) und die meist einzig gesprochene Sprache ist türkisch.
Zudem verträgt sich aus meiner Sicht das türkische Frauenbild nicht mit dem in der EU üblichem Alltag, in dem Frauen auf allen Positionen Arbeiten. Sicherlich kann man hier lange diskutieren, ob das abweichende Verständnis zur Rolle der Frau in dieser Gesellschaft aus dem Glauben resultiert oder andere kulturelle Hintergründe hat. Doch welche Ursachen auch immer es haben mag, die Unterschiede zu Europa sind unübersehbar.
Weiter mussten wir insbesondere im Osten der Türkei beobachten, dass Kinder vormittags nicht in der Schule sitzen, sondern Tiere hüten oder herumstreunen und betteln. Ihnen wir die Chance eines selbstbestimmten Leben, mit Möglichkeit zur freien Berufswahl, schon von vornherein genommen. Auf Baustellen, in Hotels und in Lokalen haben wir uns immer wieder gefragt, wie in der Türkei Ausbildung stattfindet (Andreas wunderte sich über einige Vorgänge im gastronomischen Bereich). Recherchiert haben wir, dass die meisten Ausbildungen aus einem reinen Anlernen bestehen. So, dass Lehrinhalte nicht landesweit vergleichbar oder steuerbar sind (wer mehr zum Bildungssystem lesen möchte, findet unter diesem Link eine interessante Studie).
Natürlich stellt sich die Situation in den Städten Istanbul und Ankara etwas anders dar, doch die Türkei ist groß und in weiten Teilen sehr ländlich. Wie Ihr sicher ahnt, sehen wir einen baldigen Beitritt der Türkei zur EU als eher unrealistisch an. Uns scheinen die Lebensentwürfe einfach zu unterschiedlich.
In Kürze, was wir sonst noch so vom Rad gesehen haben:
- Die Türkei ist laut (Hupen, Musik die die Lautsprecher überfordert, brüllende Kaufleute, bei denen man sich nicht mehr in den Laden traut, das Piepen und die Rückkopplung bevor der Gesang des Muezzin vom Band abgespielt wird…)
- Viele Kinder und junge Menschen prägen das Straßenbild (Durchschnittsalter Türkei: ~27,7J.; Deutschland: ~43,8J.)
- Man trifft nirgends auf betrunkene Menschen.
- Man hört in der Türkei so gut wie nur türkischsprachige Musik, auch unter Jugendlichen.
- In der Türkei herrscht vielerorts das grelle Ambiente einer Welt, in der die einzige Lichtquelle die nackte Leuchtstoffröhre oder Energiesparlampe ist.
- Viele Bauruinen und ewig unfertige Straßen und Häuser.
- Fehlender Arbeitsschutz, der mir oft schlimmst mögliche Bilder in den Kopf brennt. (Menschen die auf dem Fahrerhaus eines LKW mitreisen oder bei der Fahrt auf der Ladefläche mit anderen nicht verschnürten Gegenständen stehen, Leute die ohne Schutz schweißen und Kinder die dazwischen rumlaufen, Baustellen die kein bisschen abgesichert sind und auf denen Menschen in Badelatschen Verschalung bauen……)
- Müll wird mit großer Selbstverständlichkeit überall in der wunderschönen Natur verteilt.
- Türken machen gerne mit der ganzen Familie Picknick. Die Picknikplätze sind allerdings extrem verdreckt, was die Türken selbst nicht zu stören scheint.
Veröffentlichte Artikel zur Türkei:
- Und taeglıch grüsst der Muezzin
- Bis zum Ende Europas
- Istanbul
- Zwei Paesse vor Ankara
- Endlich Sommer
- Politisches
- Ankara
- Wo die Christen in Höhlen hausten
- Ostanatolien
- Aus dem Tritt gekommen
- 100 Tage auf dem Rad – Das Reisen ist zum Alltag geworden
- 100 Tage (Ok, 103 Tage)
- Fast ein anderes Land
- Aber es sind doch nur Kinder
- Gestrandet
- Dogubeyazit – warten auf den Postboten
Kommentare sind derzeit nicht möglich.