Usbekistan

Republik Usbekistan / O`zbekiston Republikasi Zentral-Asien
Fläche (Weltrang: 56): 447 400 Quadratkilometer
Einwohner: 26 167 000 = 59 je Quadratkilometer
Hauptstadt: Toshkent (Taschkent)
Strecke und Zeit:
Vom 05.08.- 25.08.2011 sind wir 1160 Kilometer durch das Land pedalt. Weiter der Seidenstraße folgend ging es für uns von der turkmenischen Grenze weiter durch die Qizilqum- Wüste nach Buchara und dann durch bewässerte Oasen nach Samarkand und Taschkent. Hinter Taschkent haben wir den Kamchik Pass unter die Reifen genommen und sind durchs Fergana-Tal nach Andijan und zur kirgisischen Grenze geradelt.
Verkehr und Straßen:
Bis kurz vor Taschkent haben wir über die vielen Schlaglöcher und die hohen Bodenwellen geflucht. Auf der Route durchs Fergana-Tal wurden die Straßen deutlich besser. Doch da wir bis auf den Kamchik Pass wenig Gipfel zu überwinden hatten und sich Gegen- und Rückenwind in der Waage hielten, war das Radeln meist leicht.
Auf den usbekischen Straßen tummeln sich lauter Kleinwagen. Sowohl Daewoo, als auch GM / Chevrolet produzieren hier für den zentralasiatischen Markt und so teilt man sich die Bodenwellen neben alten Ladas, russischen Kamaz-LKW vor allem mit neueren Modellen von GM und Daewoo.
Erstaunt hat uns, dass wir unser Wissen über westliche Verkehrsregeln wieder aktivieren konnten. Überholt wird in der Regel links, beim Losfahren wird der Schulterblick bemüht und gehupt wird nur, wenn man ganz besonders eilig überholen will. Für uns eine angenehme Überraschung auf den meist mäßig befahrenen Straßen.
Wer sich keinen Daewoo Matiz leisten kann und den Eselskarren gerade an den Bruder abgeben musste, fährt in Usbekistan mit dem Rad. Immer wieder wurden wir von motivierten Jungen für ein Stück begleitet, die nur durch die fehlende Gangschaltung in ihren Ambitionen gebremst wurden.
Wetter:
Wir haben bei 35°C bis 45°C geschwitzt. Bis auf zwei taufeuchte Nächte im Fergana-Tal war die Hitze sehr trocken; Regen gab es natürlich keinen.
Sprache und Verständigung:
Die usbekische Sprache ist dem Türkischen sehr nahe und fast alle Usbeken (außer den ganz jungen) sprechen russisch und oft auch noch tatschikisch – eine dem iranischen Farsi ähnelnde Sprache. Bei so viel Auswahl gibt es kaum Grund sich zu beklagen, finden wir, aber weiter geholfen hat es uns dennoch kaum.
Oft hatten wir im Land viele Fragen, die wir einfach nicht stellen konnten. Begeistert hat uns dennoch die Geduld, mit der man uns begegnete – denn eigentlich konnte es zunächst immer keiner glauben, dass jemand die Weltsprache Russisch nicht sprechen kann.
Gefreut haben wir uns immer mal wieder ein paar Wortfetzen Deutsch zu hören, die die Usbeken in der Schule gelernt hatten, oder bei ihrem Dienst als Sowjetsoldat in Ostdeutschland aufgeschnappt haben.
Lebensmittel / Essen:
Wir schätzen uns glücklich, zur Erntezeit durchs Land zu radeln. An den Straßenrändern können wir uns mit Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Möhren, Äpfeln, Weintrauben und Melonen überreichlich versorgen. Wichtig ist nur zur Mittagszeit gerade in der Tomatengegend und am Nachmittag in der Melonengegend zu sein, sonst hilft nur weiter zu pedalen.
In den kleinen Läden findet man hinter der Theke oft nur Nudeln, kaum Reis, Salz und Kekse. Milchprodukte sind rar und oft schon beim Kaufen sauer. Nutella und Konserven sind fast immer über dem Verfallsdatum. Die Bevölkerung ernährt sich selbst und kauft nur wenig dazu – so freuen wir uns über die frische, am Straßenrand auf uns wartende, Ernte und kochen die leckersten Tomatensaucen unserer Reise.
Der Verzicht Tiere zu essen, fällt bei einem Blick auf das Fliegen umschwirrte, ungekühlt in Sonne und Staub hängende Fleisch recht leicht, aber Lebensmittelhygiene ist hier offensichtlich noch ein Fremdwort. Abgewaschen wird schließlich auch im Bewässerungskanal vor der Tür. Und wir vermuten in diesem Wasser nicht nur eine Vielzahl von krankmachenden Keimen, sondern auch Dünger und Gifte von den riesigen Baumwollfeldern.
Müllentsorgung:
Nach 20 Tagen im Land wissen wir immer noch nicht, wie das klappen kann. In Usbekistan gibt es so gut wie nirgends Mülleimer und dennoch liegt kaum Müll am Straßenrand und in den Städten. Zunächst sind wir ewig mit unserem alten Müll durch die Gegend gefahren und haben ihn später immer in den Läden, in denen wir etwas kauften, abgegeben. Was danach mit ihm geschah bleibt offen; in Ländern wie Rumänien, in denen es noch keine geordnete, flächendeckende Müllentsorgung gibt, roch man den verbrennenden Kunststoff der PET- Flaschen in jedem Dorf, doch hier scheinen sich die Flaschen einfach in Luft aufzulösen, oder kauft man sie hier gefüllt mit selbstgemachten Säften einfach ein zweites mal am Straßenrand?
Religion:
Auch wenn der Islam die usbekische Staatsreligion ist, als Frau mit kurzen Hosen durch die Lande zu radeln erregt keinen Anstoß. Auf den Straßen trifft man auf lange und kürzere Kleider, auf Miniröcke und Hotpants. Auch die Tatsache als Frau auf dem Rad durch die Welt zu reisen stellt keinen Affront dar. Wir waren während des Ramadan im Land, doch vom Fasten haben wir in der Öffentlichkeit nichts mitbekommen.
Den Muezzin konnten wir nirgends hören und Moscheen haben wir, mit Ausnahme der historischen Gebäude in den großen Städten, kaum gesehen.
Was haben wir im Land besonders genossen:
In Usbekistan verschwendet man nicht viel Zeit mit höflichen Begrüßungen; Reisenden wie uns wir meist einfach ein „otkuda!?“ (woher) an den Kopf geworfen. Hat man sich aber erst einmal mit dieser zielstrebigen Art der Konversation abgefunden, kann man sich über großes Interesse der Menschen an seiner Reise freuen. Wir haben uns gefreut, nicht mit Einladungen überladen zu werden, sondern ganz einfach überall auf freundliche Menschen gestoßen zu sein, die uns auf ihrem Feld zelten ließen und uns reichlich mit Obst und Gemüse aus eigenem Anbau beschenkten.
Zudem haben wir ein sehr aufgeräumtes Land kennen gelernt, das viele sehenswerte Orte besitzt, die bisher überhaupt nicht touristisch überlaufen sind. An den Hot Spots der Seidenstraße gab es zudem sehr saubere und bezahlbare Hotels mit leckerem Frühstück (die für mich wichtigste Mahlzeit am Tag, die ich ab der Türkei und insbesondere im Iran in unseren Unterkünften sehr vermisste).
Staatsgewalt / Geld / Alltag:
Usbekistan bezeichnet sich selbst als Präsidialdemokratie, da die Wahlen laut OSZE aber zahlreiche Kriterien einer demokratischen Wahl nicht erfüllten (Quelle: Wikipedia „Usbekistan“), und das Parlament ohnehin nicht viel Mitspracherecht besitzt, regiert hier hauptsächlich Islam Karimow, der auch zu Sowjetzeiten schon erster Mann in der sozialistischen Republik Usbekistan war.
Im Alltag merkt man schnell, dass die Usbeken nicht den besten Fang mit ihrem “König“ gemacht haben. Geht man im Land essen, oder Einkaufen, muss man ein Tragetasche voll SOM mitnehmen. Der größte Geldschein (1000 Som) im Land ist umgerechnet etwa 0,35 € wert und die schnelle Inflation wird die Situation in nächster Zeit noch verschlechtern. Der Dollar ist anerkannte Schattenwährung. Neues Geld bekommt man mit seiner Visa Karte nur in Taschkent.
Sehr eingeschränkte Pressefreiheit, Folter, Korruption, Vertragsverletzungen, Kinderarbeit, ein miserables Gesundheitssystem, Zwangsverpflichtung zur Erntearbeit, Gewalt gegen das eigene Volk, Grenzstreitigkeiten um Land und Wasser mit den Nachbarn, wer sich über Usbekistan informiert, stößt auf viele erschreckende Berichte und Schlagworte. Vor Ort haben wir davon natürlich nur teilweise etwas mitbekommen.
Uns hat im Land, und ganz besonders in der Hauptstadt, die mächtige Polizeipräsens gestört. Jeder Schritt, so meinte man, wurde überwacht und behindert. Fotografieren war hier so schwer wie nie, auf jeder noch so banalen Brücke steht Militär und verhindert das Ablichten der schönsten Ausblicke.
Gewundert hat uns, dass gerade während der Erntezeit, in der die Menschen von der Morgen- bis zur Abenddämmerung auf den Feldern waren, hunderte die Straßen fegten, Fahnen aufhängten und Blumen pflanzten. Soviel freiwilligen Nationalenthusiasmus können wir uns gar nicht vorstellen.
Zudem fühlten wir uns immer etwas verunsichert, was die Meldepflicht in Usbekistan angeht (siehe auch Grenzübergänge).
Wegen Streitigkeiten um Wasser aus den tatschikischen Bergen, war während unseres Aufenthalts in Samarkand die naheliegende Grenze ins Nachbarland geschlossen und als wir kurz vor Osh eine eingemauerte und umzäunte Exklave der Kirgisen sahen, war uns klar, dass hier noch einiges an Unruhepotential im Land besteht.
20 Tage im Land konnten bei uns nur Fragen aufwerfen, Antworten haben wir kaum finden können, aber wir sind uns sicher, dass Zentralasien aus vielen Gründen mehr Aufmerksamkeit durch Europa verdient, unsere Textil- und Ölindustrie ist schließlich auch schon hier.
Grenzübergänge:
Der Grenzübergang nach Osh/ Kirgisistan war für uns auch am 25.08.2011 passierbar, entgegen aller Gerüchte und vielen Informationen die besagten, dass die Grenze um den Unabhängigkeitstag (01.September) geschlossen würde.
Bis auf eine Zollerklärung mussten wir beim Ein- und Ausreisen keinen Papierkram erledigen. Die Durchsuchung des Gepäcks war in Teilen zwar durchaus intensiv, aber eigentlich interessieren sich die Zöllner, wie alle Usbeken, für wunderliche Dinge wie Kopflampe und anderen Ausrüstungskleinkram. Im Besonderen auch für unsere Fotosammlung! Beim Ausräumen der ersten Tasche habe ich viele Funktionen erklärt und dann einfach schnell unsere Heimatbilder auftauchen lassen und unsere Familien vorgestellt – die Zöllner waren zufrieden und wir durften wieder aufladen.
Die Meldepflicht, die in Usbekistan bei einem Touristen Visum nur durch Hotels übernommen werden darf, spielte bei der Ausreise keine Rolle. Unser Reiseführer und die Internetseite des Auswärtigen Amtes hatten uns Schlimmstes befürchten lassen- unvollständige Meldeunterlagen sollten mit mindestens 700 $ geahndet werden. Doch selbst wenn wir gewollt hätten, in Tagesradetappen ist im Land kein Hotel zu finden, daher haben wir natürlich auch in Usbekistan gezeltet und blieben so in den meisten Nächten ungemeldet.
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